Wilde Schönheit - Unterwegs an Neuseelands Westküste

Einzigartige Naturschauspiele, urzeitliche Regenwälder und viel Regen. Das sind die Worte, die mir in den Sinn kommen, wenn ich an die Westküste der neuseeländischen Südinsel denke. Tatsächlich ist dieses Gebiet zwischen Awarua Point im Süden und Kahurangi Point im Norden  die regenreichste Region des Landes.

 Regen? Normalerweise fliegen oder fahren wir doch in den Urlaub, um dem schlechten Wetter zu entfliehen! Warum gehört dann gerade dieser Küstenabschnitt zu den schönsten Orten Neuseelands?

Das liegt an den weltweit einzigartigen Auswirkungen und Begleiterscheinungen des Regens. Die Rede ist von urzeitlichen Wäldern, die sich bis an den Fuß von zwei (gegen den weltweiten Trend) stetig wachsenden Gletschern erstrecken und von Wolken, die nicht nur Regen bringen, sondern auch eindrucksvolle Formationen bilden.

Im Land der langen weißen Wolke

Ursache für die häufigen Regenfälle und die hohe Luftfeuchtigkeit sind starke Westwinde, die sich auf ihrem Weg über den Pazifik nach Neuseeland mit Feuchtigkeit anreichern. Wenn diese Luftströme gegen die bis zu 3.000 Meter hohen Berge an der neuseeländischen Westküste prallen, bildet sich (manchmal) ein Wolkenband - eine lange weiße Wolke. Einer Legende zur Folge ist diese Wetter-Erscheinung verantwortlich für den Namen, den die Ureinwohner Neuseelands, die Maori, den beiden Pazifikinseln verliehen: "Aotearoa" - Land der langen weißen Wolke.


Nach vier Tagen in der kleinen Stadt am See lasse ich also das sonnige Wanaka hinter mir und fahre über den Haast Pass in die nebligen, verregneten Wälder der Westküste. Der State Highway 6 führt durch die neuseeländischen Alpen, vorbei an Gletschern und schneebedeckten Bergen bis zum tasmanischen Ozean.

Ab Haast verlässt der Highway das Landesinnere und führt lange Strecken am Meer entlang. Mein Blick schweift immer wieder auf die schroffe Steilküste und den manchmal türkisblauen, manchmal grauen tasmanischen Ozean. Andere Autos oder Reisebusse sieht man nur selten. Das mag daran liegen, dass die Hauptreisesaison im November noch nicht begonnen hat oder daran, dass die Westküste die am wenigsten besiedelte Region Neuseelands ist. Rund 31.000 Menschen leben hier.

Hier wohnen? Ein echtes Abenteuer!

Der ständige Regen und die ursprüngliche unberechenbare Natur machen das Gebiet zu einem interessanten Ort für Abenteurer und Reisende, aber nicht zu einem hippen, gemütlichen Wohnort. Wer hier lebt, muss nicht nur mit der hohen Luftfeuchtigkeit und den ständig präsenten Sandflies (fruchtfliegengroße, aggressive Mücken, die fies juckende Stiche hinterlassen) auskommen, sondern auch mit der Einsamkeit und der Abgeschiedenheit. Obwohl ich nur insgesamt rund eineinhalb Wochen an der Westküste unterwegs war, fühle ich zum ersten Mal, dass ich am anderen Ende der Welt bin.


An der Westküste Neuseelands bietet sich ein weltweit einzigartiges Naturschauspiel: Der urzeitliche Regenwald reicht bis an den Fuß des Gletschers. Das ist möglich, weil sich die Gletscherzunge durch alle alpinen Zonen bis fast auf Meereshöhe zieht. Am oberen Ende des Gletschers fallen die häufigen Niederschläge in Form von Schnee. Der Neuschnee erhält die Eismassen und lässt den Gletscher wachsen. Am Fuß des Gletschers sind die Temperaturen wärmer, sodass die häufigen Niederschläge hier für eine dichte Vegetation sorgen. Der blaue Himmel auf dem Foto rechts ist übrigens trügerisch. Dieses Foto entstand innerhalb einer sehr kurzen Zeitspanne, in der es an diesem Tag nicht geregnet hat.

Die Frau beim Fahrradverleih in Fox Glacier Town sieht mich ungläubig an. "Ja, ich möchte wirklich ein Fahrrad ausleihen! Mir macht der Regen nichts aus!" sage ich. Als ich wieder nach draußen gehe, um mir ein Mountainbike auszusuchen und innerhalb weniger Sekunden trotz Regenjacke durchnässt bin, überlege ich dann doch kurz auf den Ausflug zu verzichten und mich lieber in mein Hostel-Bett zu verkriechen. Aber zum einen ist es auch im Hostel sehr feucht und dementsprechend ungemütlich, und wie meine Mutter immer sagt: "Wir sind ja nicht aus Zuckerwatte!"

Letztendlich überwiegt also mein Entdeckerdrang und ich fahre zum ersten Mal in meinem Leben mit einem Fahrrad durch den Regenwald.

Das praktische an diesem dicht gewachsenen, ursprünglichen Wald ist, dass er optimale Unterschlupfmöglichkeiten bietet, um mich und vor allem meine Kamera, vor dem schuttartigen Regen zu schützen.


Am darauf folgenden Tag wandere ich zum Chalet Lookout. Von hier hat man einen tollen Ausblick auf den Fox Gletscher (links). Auf dem Rückweg fotografiere ich das graue, mit Sedimenten angereicherte Schmelzwasser des Gletschers (rechts).

Der folgende Abschnitt meiner Reise führt mich weiter nach Norden. Hokitika ist eine kleine Stadt mit rund 3100 Einwohnern an der Westküste. Der Ursprung des Ortes reicht zurück ins 19. Jahrhundert, als viele Europäer nach Neuseeland reisten, um hier nach Gold zu schürfen. Heute ist Hokitika berühmt für seinen Greenstone "Pounamo", aus dem hauptsächlich traditioneller Schmuck hergestellt wird, seine schwarzen Strände...

... und seine spektakulären Sonnenuntergänge.


Weitere Infos und nützliche Links


An- und Abreise nach Fox Glacier Town: Mit dem Intercity von Wanaka nach Fox Glacier Town.

Hostel in Fox Glacier Town: Ivory Towers Backpacker Lodge

 

An- und Abreise nach Hokitika: Mit dem Intercity von Fox Glacier Town nach Hokitika (Achtung! Das Birdsong Backpacker liegt 2 Kilometer außerhalb von Hokitika. Der Busfahrer hat mich netterweise dort rausgelassen. Ansonsten würde ich ein Taxi empfehlen.)

Hostel in Hokitika: Bird Song Backpacker

 

Doku-Tipp: Terra X (ZDF Mediathek)

 

Quellen:


Alle faktischen Informationen stammen aus folgenden Reiseführern:

DuMont Reiseverlag: Reise-Handbuch Neuseeland.1. Auflage 2011,

Lonely Planet: New Zealand 2010


und von folgenden Webseiten:

http://www.newzealand.com/de/West-Coast/

http://www.newzealand.com/de/feature/new-zealand-nature-fauna/

http://www.deutschlandfunk.de/neuseeland-land-der-langen-weissen-wolke.871.de.html?dram:article_id=310794

http://www.teara.govt.nz/en/1966/new-zealand-naming-of

 

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