Zwischen den Welten

Wo ist das Leben? Wo findet es statt? In der Zukunft oder Vergangenheit? An diesem oder einem anderen Ort? Warten wir noch oder Leben wir schon? Während wir älter werden, Ziele erreichen oder scheitern, ausziehen und einziehen, arbeiten und schlafen, neue Freunde gewinnen und alte Freunde verlieren, uns verlieben und uns trennen, wann fängt dann das Leben an?

Das Leben ist woanders, "Life is elsewhere" heißt ein Artikel der rumänischen Dichterin, Drehbuchautorin und Journalistin Saviana Stănescu, in dem sie die Sehnsucht nach einem "woanders" beschreibt. Sie hat dabei die damit einhergehende Zerrissenheit zwischen Angst und Hoffnung, Pflichtbewusstsein und Streben nach Unabhängigkeit, Erfolg und Scheitern so wunderbar in Worte gefasst, dass sie mich zu diesem Beitrag inspiriert habe. (Leider gibt es keinen Link zu dem Artikel, da ich ihn in einer Zeitschrift über rumänische Filme im Casa Tiff in Cluj-Napoca entdeckt habe.)

Kennt ihr dieses Gefühl, auf etwas zu warten? Auf etwas, das eine Wende markiert, einen Startpunkt setzt. Einen Zeitpunkt, ab dem das Leben anfängt. Vor meinem 18. Geburtstag dachte ich: Das "richtige" Leben fängt an, wenn ich erwachsen bin, eigene Entscheidungen treffen und mein Leben selbst bestimmen kann.

 

Nach meinem 18. Geburtstag, das Abi in der Tasche und den ersten Studienplatz in Aussicht dachte ich: Das "richtige" Leben fängt an, wenn ich mich unabhängig von meinen Eltern selbst finanzieren kann, wenn mir keiner mehr in meine Entscheidungen reinredet, wenn ich an einem Ort lebe, an dem ich mich heimisch fühle – einem (utopischen) Ort, an dem ich gemeinsam mit meinen Freunden und meiner Familie auf die Berge und das Meer blicken kann, an dem es so ruhig ist, dass ich morgens die Vögel zwitschern höre, an dem Platz für einen großen bunten Garten ist, an dem es aber gleichzeitig so viele Cafés und kulturelle Angebote gibt, dass ich dort einfach hinlaufen kann.

Doch das Leben fängt nicht irgendwann an. Das Leben fängt nicht an, wenn der richtige Partner gefunden, eine Familie gegründet, eine Karrierestufe erreicht, das eigene Haus gebaut oder der "richtige" Ort zum Leben gefunden. Das Leben ist schon da. Es ist jetzt und hier.

 

Wir können uns unsere das "andere" Leben erträumen, ob wir es jemals erreichen werden und ob es in dieser Form überhaupt existiert ist ungewiss. Wir wissen nie, was uns am nächsten Tag, in der nächsten Woche oder hinter der nächsten Kurve erwartet, ob wir schaffen, was wir uns vornehmen und wie lange uns unsere Freunde und Familie auf unserem Weg begleiten werden.

 

Die Sehnsucht nach einem (vermeintlich) besseren Leben motiviert aber auch dazu, das eigene Leben in die Hand zu nehmen und nach Veränderungen zu streben. Auch wenn es den meisten von uns hier in Deutschland - im Vergleich zu anderen Ländern - sehr gut geht, haben wir das Recht, uns für ein besseres Leben einzusetzen. Wir müssen nicht hinnehmen, was Politiker entscheiden, dass Beziehungen zerbrechen, der Job nervt oder die Wohnsituation unbefriedigend ist.

 

Die Sehnsucht nach einem anderen Leben ist der Antrieb, der uns dazu motiviert, Dinge zu ändern, uns für unsere Interessen einzusetzen und für eine bessere Welt zu kämpfen. Das Leben im Hier und Jetzt ist allerdings auch wichtig, um – abgesehen von einigen nicht optimal laufenden Dingen, die es immer geben wird – zufrieden zu sein.

 

Die große Frage ist also: Ab wann wird Zufriedenheit zur Ausrede aus Angst vor lebensverändernden Entscheidungen bzw. wann lohnt es sich die Dinge, die nerven auszuhalten, weil es eben immer Dinge geben wird, die nerven werden?

 

Viktoria, Waldbesetzerin im Hambacher Forst, Dieter Kröger, Atomkraft-Gegner und Angelika Drake, Extremläuferin haben diese Frage für sich längst beantwortet. Sie kämpfen für ihre Ideale und gehen über ihre eigenen körperlichen und psychischen Grenzen, um die Welt zu verändern oder sich selbst zu beweisen, dass alles möglich ist. Ein sehr hörenswerter Podcast aus der "Einhundert-Reihe" von DRadio Wissen.

Auf den folgenden Fotos seht ihr die Thorenburger Schlucht. Eine Schlucht, die sich zwischen abgeerntete Felder und grüne Wiesen gegraben hat – eine gespaltene Landschaft: teils Gebirge und teils flaches Land – ein Zwischenraum, der sich wie die Antwort auf die Frage nach dem besseren Leben nicht eindeutig definieren lässt und gerade deshalb besonders ist.

Thorenburger Schlucht (c) Salomé Weber
Wanderung durch die Thorenburger Klamm in Rumänien (c) Salomé Weber
Flussufer (c) Salomé Weber
Unterwegs in Transsilvanien (c) Salomé Weber
Fluss in der Thorenburger Klamm (c) Salomé Weber
Ufer am Fluss (c) Salomé Weber

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