Die Sicht der Dinge

Weg durch den Nationalpark Berchtesgaden (c) Salomé Weber

Im Lauf der Zeit kann sich die Sicht auf die Dinge verändern.

 

So erging es mir zum Beispiel mit dem Herbst. Schon gegen Ende des Sommers, im August oder September habe ich Jahr für Jahr damit begonnen, die Monate zu zählen, bis die Tage wieder länger werden und der Frühling zurückkehrt.

Doch nicht nur die Sicht auf so banale Dinge wie Jahreszeiten oder so persönliche Dinge wie Freundschaften und  Partnerschaften können sich im Lauf der Zeit verändern. Auch die kollektive Deutung von historischen Ereignissen, Zeichen, Symbolen oder Orten ist nicht für immer festgeschrieben.

 

Der Wandel von Deutungszuschreibungen oder die Sicht auf die Dinge kann auf individueller, aber auch auf kollektiver Ebene stattfinden. Das ist mir besonders bei einer Wanderung am Obersalzberg in Berchtesgaden klar geworden.

 

(Den ganzen Text findet ihr unter der Foto-Reihe)

 

Nationalpark Berchtesgaden (c) Salomé Weber
Regentropfen (c) Salomé Weber
Bäume im Nebel (c) Salomé Weber
Nationalpark Berchtesgaden (c) Salomé Weber
Über den Wolken (c) Salomé Weber

Eigentlich habe ich den Herbst nie gemocht - ja sogar fast schon gefürchtet. Die langen Nächte und grauen Tage, der Regen, die (nasse) Kälte ... darauf hätte ich Jahr für Jahr gerne verzichtet. Warum nicht einfach den Herbst überspringen und direkt vom Sommer in den Winter und dann wieder in den Frühling übergehen?

 

Herbst-Blues ...

 

Am Tiefpunkt meiner Herbst-Blues bin ich angekommen, als ich mir für meine Masterarbeit rund 80 Filme über den Zweiten Weltkrieg angeschaut habe, um herauszufinden, wie dieser Krieg unsere nationale Identität beeinflusst hat und heute immer noch prägt. Die kurzen Tage, der andauernde Regen, die Dunkelheit, die dramatischen und traurigen (Film-)Geschichten – das alles hat dazu beigetragen, dass ich diese Zeit als die anstrengendste Phase meines gesamten Studiums in Erinnerung habe.

 

Doch die Anstrengungen haben sich gelohnt, denn sie haben mir wertvolle Erkenntnisse zu Fragen geliefert, auf die ich zuvor nie eine zufriedenstellende Antwort bekommen habe. Eine dieser Fragen lautet zum Beispiel: Haben wir wirklich aus der Vergangenheit gelernt oder ist es uns wichtiger, einen einfachen Weg zu gehen und eine neue weniger problembehaftete Sicht auf unsere Geschichte zu finden? *

 

Zwischen Vergangenheit und Gegenwart

 

Dass ich mich gerade in Berchtesgaden, diesem idyllischen Urlaubsort an der Grenze zu Österreich, mit der deutschen Vergangenheit beschäftigt habe, ist kein Zufall, denn der kleine Ort hat eine wichtige Rolle in der Geschichte Deutschlands gespielt.

 

Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Berchtesgaden ein beliebtes Ziel für Touristen. Auch Adolf Hitler verbrachte mehrere Urlaube dort, kaufte sich schließlich im Sommer 1933 ein Haus und baute die Region nach und nach zu einem zweiten Machtzentrum (neben Berlin) aus. Eines der Überbleibsel aus dieser Zeit ist das Kehlsteinhaus  – eine der wenigen vollständig erhaltenen nationalsozialistischen Bauten und ein zwiespältiges Symbol für die damals herrschenden Machtverhältnisse.

 

Der Wandel auf die Sicht der Dinge im kollektiven ...

 

Zwiespältig, weil hier auf 1834 Metern Höhe seltsame Verbindungen entstehen: Verbindungen zwischen der Gegenwart, in der unbekümmerten Touristen das beeindruckende Bergpanorama genießen und der Vergangenheit des Ortes, der von Menschen erschaffen wurde, die an den schlimmsten vorstellbaren Verbrechen beteiligt waren;

zwischen T-Shirts, Mützen, Wanderstöcken, Postkarten, Schlüsselanhängern und vergilbten Büchern über die nationalsozialistische Vergangenheit des Obersalzbergs;

zwischen Kommerzialisierung der Geschichte und Aufarbeitung der NS-Vergangenheit.

 

Im Laufe der Zeit ändert sich die Sicht auf die Dinge. Das kann gut sein, wenn der neue Blick das eigene Leben oder das Leben anderer Menschen bereichert; ein solcher Wandel kann allerdings auch problematisch werden, wenn durch ihn wichtige Erkenntnisse in Vergessenheit geraten.

 

... und im individuellen Gedächtnis

 

Wie ihr an meinen Fotos von diesem Ausflug zum Kehlsteinhaus vielleicht bereits erkennen konntet, habe ich es übrigens geschafft, meine Abneigung gegenüber dem Herbst zu überwinden. Ich mag nun den Nebel, der sich im Herbst wie ein Schleier über Wiesen und Felder legt, die sich verfärbenden Blätter der Laubbäume, die die Wälder in ein Meer aus bunten Blättern verwandeln unddie kurzen Tage, an denen ich kein schlechtes Gewissen haben muss, wenn ich den ganzen Tag im Bett verbringe, um Bücher zu lesen oder mir Filme anzusehen und

 

 

PS: Allen, die sich tiefer gehend über die nationalsozialistische Vergangenheit Berchtesgadens informieren möchten, empfehle ich ein Besuch in der Dokumentation Obersalzberg. Hier wird die Vergangenheit des Ortes aufgearbeitet und in den Kontext der deutschen Geschichte vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis zur Wiedervereinigung eingeordnet.

 

* Weitere Ausführungen würden an dieser Stelle zu weit führen ;) Wer sich für meine Masterarbeit interessiert, kann mir gerne eine E-Mail schreiben.

 

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