Vanlife: Von einer romantischen Vorstellung zur kalten Realität

Irgendwann kurz nach Mitternacht liege ich immer noch wach. Ich bin frustriert. Und zwar so richtig: „Wenn es scheiße ist, dann ist es so richtig scheiße“, sage ich zu Pascal und meine es in diesem Moment so ernst wie man es nur meinen kann, wenn man nach Anbruch der Dunkelheit im feuchten Schlafsack liegt und hungrig feststellt, dass man im Moskito Paradies gelandet ist.

Vor wenigen Monaten habe ich davon geträumt, einen schicken Van zu kaufen und einfach loszufahren – zu den windumtosten Stränden, schneebedeckten Bergen, kristallklaren Seen und verwunschenen Wäldern Neuseelands.

 

In meiner Vorstellung sitze ich bei Sonnenschein und angenehmen 20 Grad morgens in meinem Campingstuhl, genieße die Landschaft, lausche den Gesängen der Vögel, trinke meinen ersten Kaffee und sehe fabelhaft aus.*

Bei dem Gedanken, dass ich mit diesem Lebensstil außerdem noch so viel Geld spare, dass ich im Prinzip für den Rest meines Lebens weiterreisen kann, schleicht sich ein kleines Lächeln in mein Gesicht.

 

*So wie man sich das eben vorstellt, wenn man auf Instagram nach passenden Bildern zum Vanlife Lebensstil sucht.

Doch "das Leben ist kein Ponyhof" wie meine Oma zu sagen pflegte oder um es in die heutige Zeit zu übersetzen "das Leben ist kein Instagram-Kanal." Auch wenn man – nach Aussage einiger Bekannter und Freunde – "den Traum vom freien Leben lebt", bedeutet das nicht, dass man damit automatisch glücklicher oder zufriedener wird.

Nach elf Monaten reisen, nach unzähligen Höhen und Tiefen ist es Zeit, Bilanz zu ziehen. Wie fühlt es sich wirklich an, wenn mein sein Leben auf 2,5  Quadratmetern reduziert?**


**Mal vorausgesetzt, dass ich hier über einen Lebensentwurf spreche, den man sich selbst ausgesucht hat. Es macht nämlich einen großen Unterschied, ob man aktiv dafür entscheidet, die Wohnung gegen ein Auto einzutauschen oder ob Umstände einen dazu zwingen, sein Leben auf diesen minimalen Raum zu beschränken.


Der Preis der Freiheit

Die wichtigste Erkenntnis der vergangenen Monate ist für mich: Mehr Freiheit bedeutet nicht zwangsläufig mehr Glück.

 

Mehr Freiheit bei begrenztem Budget bedeutet vor allem: Verzicht auf Komfort. Eine warme Dusche, eine einfach zu erreichende Toilette, ein regengeschützter Platz zum Kochen, ein warmer und trockener Platz zum Schlafen, Platz ... Es sind die vermeintlich kleinen Dinge, die man erst dann zu schätzen lernt, wenn man seinen Lebensstil einmal auf ein minimales finanzielles Level reduziert hat.

 

Mehr Freiheit bedeutet zudem mehr Eigenverantwortung. Fast täglich müssen wegweisende Entscheidungen getroffen werden. Führen diese zu einer unangenehmen Erfahrung (siehe oben), kann man auf einmal niemand anders als sich selbst (oder den Reisepartner) beschimpfen.

 

Was übrigens nicht empfehlenswert ist, wenn man mit dieser Person weiterhin auf engen Raum leben möchte.

 

Auf meiner Reise habe ich dementsprechend bereits zu viele Menschen getroffen, die erst mit einem Job und einem strukturierten Tagesablauf aufgeblüht sind. Doch ich habe auch festgestellt, dass das für mich nicht gilt.

 

Selbstverständlich schätze ich eine gute warme Dusche, eine geräumige Wohnung und eine gute Küche, aber wenn ich mich zwischen einem angenehmen, aber fremdbestimmten oder einem widrigen, aber selbstbestimmten Leben entscheiden muss, dann wähle ich die Freiheit.

 

Lieber Sein als Schein

Freiheit bedeutet nicht, komplett losgelöst zu sein. Ein Leben ohne Verpflichtungen ist nicht möglich. Das fängt beim Atmen an und hört bei Beziehungen auf.

 

Freiheit für mich bedeutet lediglich, die Möglichkeit zu haben, den Weg mit den angenehmsten Widerständen zu wählen.

 

Während für mich das Reisen und Leben im Auto mit all seinen An- und Unannehmlichkeiten die beste Option ist, muss das nicht für andere Menschen gelten. 

 

Doch wenn ich morgens mit dem Zwitschern der Vögel und den ersten Sonnenstrahlen aufwache, aus der Heckscheibe auf das Meer oder die Berge blicke, dann vergesse ich  jeden Regentag, jede schlaflose Nacht und jeden Moskitostich. Ich freue mich dann darauf, in der Sonne zu sitzen, den ersten Kaffee zu trinken, den Vögeln zu lauschen und meinen Tag zu planen.

 

Der Traum vom naturverbundenen freien Leben ist vielleicht anstrengender und unattraktiver, als ich mir das vorgestellt hatte, doch die Freiheit, die damit einhergeht ist jede Anstrengung wert.