Vanlife: Die kalte Realität

Irgendwann kurz nach Mitternacht liege ich noch immer wach. Ich bin frustriert. Und zwar so richtig: „Wenn es scheiße ist, dann ist es so richtig scheiße“, sage ich zu Pascal und meine es in diesem Moment so ernst wie man es nur meinen kann, wenn man nach Anbruch der Dunkelheit in einem feuchten Schlafsack liegt und hungrig feststellt, dass man im Moskito Paradies gelandet ist.

Nach einer fünfstündigen Fahrt von Queenstown über Wanaka an die Westküste der neuseeländischen Südinsel wollten wir eigentlich nur etwas essen und dann schlafen. Doch die ausklingende Hauptsaison, das Wetter und die Dunkelheit haben uns einen Strich durch die Rechnung gemacht.

 

Es gibt drei Regeln, die man beim Campen in Neuseeland – insbesondere in der Hauptsaison unbedingt beachten sollte:

 

1. Finde deinen Stellplatz vor Einbruch der Dunkelheit

2. Iss regelmäßig (und hab am besten immer einen "Notfallsnack" dabei)

3. Check den Wetterbericht!

 

Ja, mein Auto "Herby" hat mich an die schönsten Orte Neuseelands gebracht und auch in finanzieller Sicht hat das Campen viele Vorteile. Doch so oft ich mit Blick auf das Meer oder die Berge aufgewacht bin, so oft habe ich auch Stechmücken bekämpft und den Regen verflucht.

 

Auf Social Media findet man unter dem Hashtag "#Vanlife" viele glückliche, attraktive Menschen, die in modern eingerichteten Vintage-Vans vor beeindruckenden Kulissen campen.

 

Doch wie fühlt es sich wirklich an, wenn man mein sein Leben für mehrere Monate auf 2,5  Quadratmetern reduziert?

 

Nach 11 Monaten, 15.473 gefahrenen Kilometern und unzähligen Höhen und Tiefen ist es Zeit, Bilanz zu ziehen. Ist das Leben im Van der Schlüssel zum Glück?

Vom Traum in die Realität

Vor wenigen Monaten habe ich – sicherlich auch inspiriert von den vielen Bildern, die ich beim Scrollen durch Instagram oder beim Blättern durch verschiedene Magazine gesehen habe – davon geträumt, einen alten Van zu kaufen und einfach loszufahren.

 

In meiner Vorstellung sitze ich bei Sonnenschein und 25 Grad morgens in meinem Campingstuhl am Strand, wärme mich in den ersten Sonnenstrahlen, lausche den Vögeln, trinke meinen Kaffee und sehe fabelhaft aus.

 

So wie man sich das eben vorstellt, wenn man durch den Instagram Feed scrollt und sich in der #Vanlife-Bilderwelt verliert.

 

Und ja an manchen Tagen war es genau so, wie ich es mir erträumt habe.

Sanft geweckt vom Licht der aufgehenden Sonne wache ich auf, koche Wasser  auf einem Gaskocher, während ich den Blick auf die umliegenden schneebedeckten Berge und das Meer genieße.

 

Einzig der Attraktivitätsfaktor unterscheidet mich in diesem Moment noch von dem Versprechen, das die zahlreichen Vanlife-Bilder auf Social Media transportieren.

 

Insbesondere meinerseits.

 

Hotpants und Bikini-Tops? In Neuseeland möchte man den Sandflies keine Angriffsmöglichkeit bieten. Zudem verabschieden sich die warmen Temperaturen  pünktlich mit der untergehenden Sonne.

 

Und ich muss zugeben auch mein Auto "Herby" (Toyota Ipsum) passt nicht in die #Vanlife Bilderwelt.

 

Herby ist ungefähr so sehr ein Van, wie ein Gänseblümchen eine Rose. Eine gewisse Ähnlichkeit ist gegeben. Aber am Ende ist es dann doch – auch optisch – ein Unterschied, ob man in einem Toyota Ipsum oder einem VW Bus campt.

 

Denn auch der Attraktivitätsfaktor und somit auch die "instagrammability" vom Leben im Van ist eine Frage des Budgets. Denn aufgrund der immer größer werdenden Nachfrage, wird die Unterkunft auf vier Rädern zunehmend teurer.

 

Das Wunderbare an Neuseeland ist allerdings, dass im Prinzip jeder Ort für Camper frei zugänglich ist. Anders als in Europa kennt man hier keine privaten Hotelstrände, keine Kurtaxen oder Eintrittsgebühren. Im Gegenteil: Oft befinden sich an den schönsten Orten, preiswerte oder sogar kostenlose Campingplätze.

 

Es gibt zwar die ein oder andere Geschichte über schießwütige Anwohner, die ihren Strand mit allen Mitteln vor Touristen verteidigen, doch bislang ist dieser Vorfall einzigartig in der Kriminalitätsgeschichte Neuseelands.

 

Auch die Wahrscheinlichkeit auf ein gefährliches Tier zu treffen oder sich mit einer lebensbedrohlichen Krankheit anzustecken, ist hier am anderen Ende der Wet in etwa so groß, wie das Aufeinandertreffen von Pinguin und Eisbär.

 

Der Preis der Freiheit

So unwahrscheinlich lebensbedrohliche Situationen, so sicher ist der Abwechslungsreichtum: Sonnenaufgang in den Bergen und Sonnenuntergang am Meer? In Neuseeland ist das vor allem auf der Südinsel an vielen Orten problemlos möglich.

 

Hat man einmal seinen festen Wohnort aufgegeben, um ein Land als Camper zu bereisen, wächst nicht nur die Bewegungsfreiheit, auch die Tage erscheinen plötzlich um Stunden länger. Allein der Fakt, dass es in vielen – vor allem abgelegenen Orten –  in Neuseeland keinen Mobilfunkempfang und erst recht kein WLAN gibt, sorgt dafür, dass man auf einmal so viel mehr Zeit hat.

 

An manchen Tagen habe ich mich schon um 18 Uhr schlafen gelegt, weil es vor allem im Dunkeln nichts zu tun gab. Endlich mal wieder Langeweile. Ein Luxus, den wir uns – meiner Meinung nach – viel zu selten gönnen.

 

Dennoch ist die wichtigste  Erkenntnis der vergangenen Monate für mich: Mehr Freiheit bedeutet nicht zwangsläufig mehr Glück.

 

Mehr Freiheit bei begrenztem Budget bedeutet vor allem: Verzicht auf Komfort. Eine warme Dusche, eine einfach zu erreichende Toilette, ein regengeschützter Platz zum Kochen, ein warmer, trockener und ebener Platz zum Schlafen ... Es sind die vermeintlich kleinen Dinge, die man erst dann zu schätzen lernt, wenn man seinen Lebensstil einmal auf ein minimales Budget reduziert hat.

 

Mehr Freiheit bedeutet zudem mehr Eigenverantwortung. Fast täglich trifft man wegweisende Entscheidungen. Führen das zu einer unangenehmen Erfahrung (siehe oben), kann man auf einmal niemand anders als sich selbst (oder den Reisepartner) beschimpfen.

 

Was übrigens nicht empfehlenswert ist, wenn man mit dieser Person weiterhin auf engen Raum leben möchte.

 

Trotz dieser Widrigkeiten habe ich dennoch für mich festgestellt, dass ich ein unkomfortables freies Leben zurzeit immer einem vermeintlich einfacheren fremdbestimmten Leben vorziehen werde. Selbstverständlich schätze ich eine warme Dusche, eine geräumige Wohnung und eine gute Küche. Doch alleine die Möglichkeit, über so scheinbar banale Dinge wie Schlafenszeiten, Essenspausen oder Zeit für Spaziergänge in der Natur selbst entscheiden zu können, wiegt für mich alle Anstrengungen auf.

 

Selbstverständlich ist mir bewusst, dass ich diese Entscheidung aus einer sehr priviligierten Position heraus treffe. Ich weiß,  dass ich jederzeit wieder aus dem Aussteigerleben aussteigen kann.

 

Ein Leben im Van ohne die Aussicht auf die Rückkehr in eine eigene Wohnung ist sicher weniger romantisch, als es uns so mancher Instagram-Kanal glauben lassen will.

Unten habe ich euch weitere Artikel verlinkt, die sich mit dieser Thematik beschäftigen.

Mein Fazit nach 183 Tagen Vanlife: Noch nie in meinem Leben hat mich etwas so sehr an meine Grenzen gebracht und mir zugleich das Gefühl gegeben, im Einklang mit mir und meiner Umwelt zu sein.

 

Ohne Terminplan, To-Do Liste und Verpflichtungen einfach losfahren. Die Musik aufdrehen, die sich verändernden Landschaften beobachten und das Unterwegs sein genießen – was kann schöner sein?

Links zum Weiterlesen