Vanlife: Die kalte Realität

Irgendwann kurz nach Mitternacht liege ich noch immer wach. Ich bin frustriert. Und zwar so richtig: „Wenn es scheiße ist, dann ist es so richtig scheiße“, sage ich zu Pascal und meine es in diesem Moment so ernst wie man es nur meinen kann.

 

Es ist kurz vor Mitternacht als wir nach einer fünfstündigen Fahrt von Queenstown über Wanaka an die Westküste der neuseeländischen Südinsel einen Stellplatz für unser Auto und somit einen Schlafplatz finden.

 

Während dicke Regentropfen auf das Autodach prasseln, bleiben wir auf den Vordesitzen, teilen die letzten beiden Kekse und überlegen, was schlimmer ist: Hungrig ins Bett zu gehen oder im Regen zu kochen.

 

Wir entscheiden uns für den Hunger und stehen vor der nächsten Herausforderung: Wie können wir – möglichst ohne nass zu werden – den hinteren Schlafbereich des Autos organisisieren? Wir gehen die verschiedensten Möglichkeiten durch, bis wir uns eingestehen: Es führt kein Weg daran vorbei. Wir müssen nach draußen gehen, um die Rucksäcke auf die Vordersitze zu packen.

 

Durchnässt, aber glücklich darüber, nun endlich zu liegen und den Tag beenden zu können, schließe ich meine Augen und vernehme fast im selben Moment ein zunehmend lauter werdendes summen. Ein Blick zum Fenster bestätigt meine Befürchtung: Wir sind im Moskito Paradies gelandet.

 

Von einer getrübten Stimmung zu sprechen wäre übertrieben. Jede Reise hat einen Tiefpunkt. Dies ist unserer.

Vom Traum in die Realität

Tippt man "#Vanlife" in das Suchfeld der verschiedenen Social Media Kanäle ein, findet man zahllose Bilder von glücklichen, attraktiven Menschen, die in stilsicher eingerichteten Vintage-Vans vor beeindruckenden Kulissen campen.

 

Doch wie fühlt es sich wirklich an, wenn man mein sein Leben für mehrere Monate auf 2,5  Quadratmetern reduziert?

 

Nach 11 Monaten, 15.473 gefahrenen Kilometern und unzähligen Höhen und Tiefen meiner Reise durch Neuseeland ist es Zeit, Bilanz zu ziehen. Ist das Leben im Van der Schlüssel zum Glück?

 

Diese Aussicht hat ihren Preis – auch wenn dieser nicht finanzieller Natur ist.
Diese Aussicht hat ihren Preis – auch wenn dieser nicht finanzieller Natur ist.

In meiner Vorstellung sitze ich bei Sonnenschein und 25 Grad morgens in meinem Campingstuhl am Strand, wärme mich in den ersten Sonnenstrahlen, lausche den Vögeln, trinke meinen Kaffee und sehe – natürlich – fabelhaft aus.

 

So wie man sich das eben vorstellt, wenn man durch den Instagram Feed scrollt und sich in der #Vanlife-Bilderwelt verliert.

 

Und ja an manchen Tagen war es genau so, wie ich es mir erträumt habe.

Sanft geweckt vom Licht der aufgehenden Sonne und zwitschernden Vögeln öffne ich meine Augen, genieße es in der Natur aufzuwachen und freue mich auf meinen Kaffee.

 

Einzig der Attraktivitätsfaktor unterscheidet mich in diesem Moment noch von dem Versprechen, das die zahlreichen Vanlife-Bilder auf Social Media transportieren.

 

Insbesondere meinerseits.

 

Hotpants und Bikini-Tops? In Neuseeland möchte man den Sandflies keine Angriffsmöglichkeit bieten. Zudem verabschieden sich die warmen Temperaturen  pünktlich mit der untergehenden Sonne.

 

Und ich muss zugeben auch mein Auto "Herby" (Toyota Ipsum) passt nicht in die #Vanlife Bilderwelt.

 

Herby ist ungefähr so sehr ein Van, wie ein Gänseblümchen eine Rose. Eine gewisse Ähnlichkeit ist gegeben. Aber am Ende ist es dann doch – auch optisch – ein Unterschied, ob man in einem Toyota Ipsum oder einem VW Bus campt.

 

Denn auch der Attraktivitätsfaktor und somit auch die "instagrammability" vom Leben im Van ist eine Frage des Budgets. Steigt die Nachfrage, steigt der Preis – diese Regel gilt auch hier.

 

Das Wunderbare an Neuseeland ist allerdings, dass im Prinzip jeder Ort frei zugänglich ist. Und obwohl die Regeln für "Free Camping" strikter geworden sind und es nicht mehr so einfach ist, einen kostenlosen Stellplatz zu finden, so sind die meisten Campingplätze doch relativ preisgünstig (zwischen 5 NZD und ca. 40 NZD).

 

Hat man also einmal in einen fahr- und wohnbaren Untersatz investiert, ist zu Mindest das legale Sein relativ preisgünstig.

 

Anders als in Europa kennt man hier zudem weder private Hotelstrände noch Kurtaxen oder Eintrittsgebühren. Als ich meinen Arbeitskollegen an einem ruhigen Abend erzähle, dass man an manchen Nordseestränden Eintritt bezahlen muss, um das Meer zu sehen, schauen sie mich erst ungläubig an und fangen verfallen dann in ein lautstarkes Gelächter.

 

Dass man für den Blick aufs Meer Geld bezahlen muss, dieser Gedanke liegt den Neuseeländern so fern wie der Nordpol.

Es gibt zwar die ein oder andere Geschichte über schießwütige Anwohner, die ihren Strand mit allen Mitteln vor Touristen verteidigen, doch bislang ist dieser Vorfall einzigartig in der Kriminalitätsgeschichte Neuseelands.

 

Trotz Temperaturen um die 0 Grad Celsius hat mich dieser Anblick für mehrere Stunden wach gehalten.
Trotz Temperaturen um die 0 Grad Celsius hat mich dieser Anblick für mehrere Stunden wach gehalten.

Der Preis der Freiheit

So unwahrscheinlich lebensbedrohliche Situationen in Neuseeland sind, so sicher ist der Abwechslungsreichtum: Sonnenaufgang in den Bergen und Sonnenuntergang am Meer? Hier am anderen Ende der Welt ist das vor allem auf der Südinsel an vielen Orten problemlos möglich.

 

Hat man einmal seinen festen Wohnort aufgegeben, wächst nicht nur die Bewegungsfreiheit, auch die Zeit scheint sich auszudehnen.

Wenn die Sonne um 5 Uhr Morgens aufgeht, werde auch ich wach. Wenn sie Abends gegen 20 Uhr untergeht, lege auch ich mich schlafen. Im Rhythmus mit den natürlichen Tages- und Nachtzeiten zu leben, gibt dem Leben eine Qualität, die mir vorher nicht bewusst war.

 

Dennoch ist die wichtigste  Erkenntnis der vergangenen Monate für mich: Mehr Freiheit bedeutet nicht zwangsläufig mehr Glück. Mehr Freiheit bei begrenztem Budget bedeutet vor allem: Verzicht auf Komfort.

 

Eine warme Dusche, eine einfach zu erreichende Toilette, ein regengeschützter Platz zum Kochen, ein warmer, trockener und ebener Platz zum Schlafen ... Es sind die vermeintlich kleinen Dinge, die man erst dann zu schätzen lernt, wenn man seinen Lebensstil einmal auf ein minimales Budget reduziert hat.

 

Mehr Freiheit bedeutet zudem mehr Eigenverantwortung. Fast täglich trifft man wegweisende Entscheidungen. Führen das zu einer unangenehmen Erfahrung (siehe oben), kann man auf einmal niemand anders als sich selbst (oder den Reisepartner) beschimpfen.

 

Was übrigens nicht empfehlenswert ist, wenn man mit dieser Person weiterhin auf engen Raum leben möchte.

 

Trotz dieser Widrigkeiten habe ich dennoch für mich festgestellt, dass ich ein unkomfortables freies Leben zurzeit immer einem vermeintlich einfacheren fremdbestimmten Leben vorziehen werde.

 

Wenn ich die Wahl habe. Denn die Option jederzeit wieder aus dem Aussteigerleben aussteigen zu können, macht die Widrigkeiten des Camperlebens erträglich.

 

Ein Leben im Van ohne die Aussicht auf die Rückkehr in eine eigene Wohnung ist sicher weniger romantisch, als es uns so mancher Instagram-Kanal glauben lassen will.

 

Unten habe ich euch weitere Artikel verlinkt, die sich mit dieser Thematik beschäftigen.

Mein Fazit nach 183 Tagen Vanlife: Noch nie in meinem Leben hat mich ein Lebensstil so sehr an meine Grenzen gebracht und mir zugleich das Gefühl gegeben, im Einklang mit mir und meiner Umwelt zu sein.

 

Ohne Terminplan, To-Do Liste und Verpflichtungen einfach losfahren. Die Musik aufdrehen, die sich verändernden Landschaften beobachten und das Unterwegs sein genießen – was kann schöner sein?

Links zum Weiterlesen