Foto der Woche


# 35 Donnerstag

Die Vorstellung in den Tag hineinleben zu können klingt zwar verlockend, doch die Wahrheit ist: Der Wunsch nach dieser Form von "Freiheit" nutzt sich so schnell ab, so wie der kindliche Wunsch, dass jeder Tag Weihnachten ist. Ohne Routine fällt es schwer, produktiv zu sein. Das "in den Tag hineinleben" macht einerseits träge, zum anderen ist es anstrengend, ständig Entscheidungen treffen zu müssen und seien sie noch so banal. Ein bisschen Routine ist also gar nicht so schlecht. Dem Wissen, welcher Wochentag gerade ist, verweigere ich mich dennoch nach wie vor mit großem Erfolg.

 

Tongariro Nationalpark, Neuseeland

#35 weit weg

Kannst du dir vorstellen, in Neuseeland zu leben? Diese Frage bekomme ich in letzter Zeit oft gestellt. So sehr ich dieses Land liebe, so wenig kann ich mir vorstellen hier länger zu leben. Denn letztendlich ist das andere Ende der Welt das andere Ende der Welt. Und das nicht nur im geographischen Sinne. Der Umstand, dass hier nur circa vier Millionen Menschen permanent leben macht dieses Land besonders. Doch diese Tatsache führt auch dazu, dass Entwicklungsmöglichkeiten fehlen. Schöne Landschaften können zum Beispiel nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Selbstmordrate unter Teenagern seit Jahren die Höchste der Welt ist und auch im Vergleich zu anderen Industrieländern eine der höchsten Raten häuslicher Gewalt aufweist.

 

Quellen: https://www.nzherald.co.nz/family-violence/news/article.cfm?c_id=178&objectid=11634543

https://taz.de/Die-Wahrheit/!5426223/

 

Lewis Pass, Neuseeland

#34 Dschungel

Das Schöne am reisen, ist jeden Tag – in gewissen Grenzen – aufs Neue entscheiden zu können, wie man leben möchte. Das Schreckliche am reisen, ist jeden Tag aufs Neue entscheiden zu müssen, wie man leben möchte. Wie also trifft man gute Entscheidungen? Wie löst man sich von Erwartungen, Projektionen und Begehren? Wie setzt man die richtigen Prioritäten? Wie findet man heraus, was man will?

 

Goblin Forest im Egmont National Park, Neuseeland

#33 Norden

Wenn man so weit wie möglich nach Süden reist, dann ist jeder Schritt nach Nordene ein weiterer Schritt auf dem Weg nach Hause.

 

Mount Ruapehu im Tongariro Nationalpark, Neuseeland

#32 Auf Wiedersehen

Wenn man sich auf englisch verabschiedet, sagt man häufig "see you", anstatt "bye" oder "goodbye". Anders als im Deutschen ist das nicht förmlich wie "auf wiedersehen", sondern im Gegenteil ganz und gar unverfänglich. Bei mir hat das anfangs für Verwirrung gesorgt: "Ich habe doch gerade nur einen Schokoriegel gekauft und bin doch eigentlich schon auf dem Sprung in den nächsten Ort." Doch mittlerweile habe ich mich an die umgangssprachliche Abschiedsformel gewöhnt und mag den optimistischen Unterton, der mitklingt, wenn man sagt "see you".

 

Irgendwann werden wir uns wiedersehen. 

 

Albatross Backpacker Inn in Kaikoura, Neuseeland

#31 Mena

Der Regen und die Aussicht darauf, mehr Bilder für das "Kaikoura Ocean Research Institute" machen zu können haben mich früher als geplant, nach Kaikoura zurückkehren lassen. An einem der regenreichsten Tage der Woche begleite ich Mena, Alastair und Steph ein weiteres Mal zur Zwergpinguinkolonie. Nach einer Stunde im strömenden Regen gibt meine Kamera auf, aber es hat sich gelohnt und die Kamera funktioniert mittlerweile wieder ;)

 

Irgendwo in Kaikoura, Neuseeland

#30 Toasty

Musik aufdrehen und  losfahren. Mehrere Stunden am Tag. Und dennoch nie rechtzeitig vor Anbruch der Dunkelheit ankommen. Obwohl ich nun schon knapp neun Monate hier in Neuseeland lebe, begehe ich doch den immer wieder gleichen Fehler und unterschätze die Distanzen. Aber es gibt einfach auch zu viele schöne Orte, an denen man nicht vorbeifahren kann. So begehe ich gleich noch einen weiteren #Vanlife Fehler und bleibe draußen, obwohl die Temperaturen nach Einbruch der Dunkelheit schneller fallen, als jedes Mikrofon dropt. Die Entscheidung ist ganz einfach: Entweder hungrig ins Bett gehen und warm bleiben. Ich entscheide mich für das Essen und die Kälte. Obwohl es zum Glück letztendlich gar nicht so kalt ist, wie befürchtet. Vier Decken, eine Wärmflasche und mehrere Lagen an Klamotten halten mich warm. Die Kiwis bezeichnen dieses Gefühl, wunderbar warm zu sein mit "toasty." Ich mag dieses Wort. 

 

Moke Lake, Neuseeland

#29 Aufbruch

"Bittersweet" ist wohl das beste englische Wort, um das Gefühl zu beschreiben, dass mich in dieser Woche begleitet. Nach vier Wochen werde ich Kaikoura verlassen. Im Hinterkopf weiß ich, dass ich wahrscheinlich wiederkommen werde, um mehr Bilder für das Pinguin-Projekt zu machen, aber 100 Prozent klar ist das noch nicht. Einerseits freue ich mich auf alles, was vor mir liegt: Ein Foto-Workshop und eine kleine Abschiedsrunde um die Südinsel. Andererseits ist ein Aufbruch auch mit Schmerzen verbunden. Die Gewissheit, lieb gewonnene Menschen , Tiere und Orte vielleicht nie wieder sehen zu können, lässt mich melancholisch werden.

 

Lake Heron, Neuseeland

#28 Pinguine

Die Zwergpinguinkolonie ist eines der am besten gehüteten Geheimnisse in Kaikoura. Zwischen Fischerbooten, Wohnhäusern und Flachsbüschen haben sich die kleinsten Pinguine der Welt ein Zuhause gesucht. Viele Male bin ich schon an diesem Ort vorbeigelaufen, habe Katzen gestreichelt und auf das Meer geblickt – in der Hoffnung Delphine zu sehen – Pinguine sind mir hier nicht in den Sinn gekommen. Und das ist auch gut so. Denn die Kolonie ist so klein, dass zuviel Aufmerksamkeit möglicherweise dazu führen könnte, dass die kleinen Tiere für immer verschwinden. Andererseits ist es auch wichtig, die Menschen für die Bedürfnisse ihrer Nachbarn zu sensibilisieren. Wie findet man die Balance zwischen Aufklärung, Spenden sammeln und Schutz der Tiere?

 

Ich musste hoch und heilig versprechen, nicht zu verraten, wo sich die Pinguin Nester befinden. So viel darf ich allerdings sagen: Wer die kleine Pinguin-Kolonie in Kaikoura besuchen möchte, kann an einem "P.E.A.P – Penguin Education and Awareness Programme" teilnehmen. Alle Infos dazu gibt es hier: https://kori.org.nz/2018/10/20/what-is-a-p-e-a-p/

#27 Magisch

Neuseelands Landschaften wirken auf mich oft surreal, zu schön, um wahr zu sein. Wie Orte in einem Traum. Selbst die Zeit vergeht hier gefühlt anders als im Rest der Welt. Stunden werden zu Tagen, Tage zu Wochen, Wochen zu Monaten. Gleichzeitig schneller und langsamer. Schnell vergisst man dabei, dass der Pazifik und die schneebedeckten Kaikoura Ranges nur wenige hundert Meter vor der eigenen Haustür liegen.

 

Strand in Kaikoura, Neuseeland (mein Lieblingsort ;) )

#26 Wintersonnenwende

Während die Tage in Europa kürzer werden, werden sie hier in Neuseeland länger. Zwar stehen uns noch zwei kalte und dunkle Monate bevor, aber bislang war der Winter hier ziemlich erträglich. 

 

Strand in Kaikoura, Neuseeland.

#25 Lost in Paradise?

In dem Gedicht "All that is gold does not glitter" schreibt Tolkien auch den mittlerweile berühmten Satz "Not all those who wander are lost." Aber sind wir nicht alle ein bisschen verloren und auf der Suche? Mehr und mehr realisiere ich, dass ich aufgebrochen bin, um mein Paradies zu finden. Im Außen sowie im Innen.

 

Je länger ich Zeit habe, um nachzudenken, desto deutlicher wird, dass "Gut" nicht bedeutet, dass es keine Konflikte und keine Reibungen gibt. Gut bedeutet, eine Balance im Geben und Nehmen zu finden. Herauszufinden, wie viel man geben kann und wieviel man zum Leben braucht. Die eigenen Grenzen definieren und in den Beziehungen zu anderen Menschen aushandeln.

 

Point Kean in Kaikoura, Neuseeland.

#24 Milky Way

Der "Milky Way" war immer mein Lieblingsschoko-Riegel. Keine Nüsse, kein Karamel, kein Schnickschnack. Einfach Schokolade und eine undefinierbare Creme. Das Milky Way eigentlich Milchstraße bedeutet und die Galaxie bezeichnet, in der wir leben, diese Verbindung habe ich erst Jahre später erkannt. Komisch oder? Wie wir jahrelang ein Wort benutzen, ohne dass uns dessen originäre Bedeutung bewusst ist. Das faszinierende am Nachthimmel in Neuseeland ist, dass man die Milchstraße tatsächlich mit bloßem Auge sehen kann. 

 

Blick in den Sternenhimmel vom Strand in Kaikoura.

#23 Küche

"Kannst du was aushalten?", fragt mich mein zukünftiger Chef und blickt mich dabei fragend an. Natürlich sage ich "ja" und versuche dabei besonders selbstbewusst auszusehen. "Okay, dann versuchen wir es", sagt er und ab diesem Moment bin ich Köchin. Zuerst denke ich, dass ich wahrscheinlich Kartoffeln schäle und Pommes fritiere, aber im Winter ist das Personal rar (wahrscheinlich ein weiterer Grund, warum ich eingestellt wurde) und jeder muss alles machen. So lerne ich jetzt also, wie man Fisch fritiert, Filets zubereitet und Steaks brät. So richtig kann ich es selbst nicht glauben. In den schönsten Momenten genieße ich den Adrenalin in der Küche, die koordinierten Bewegungen, die fast einem Tanz gleichen. In den dunkelsten fühle ich mich wie eine Hochstaplerin.

 

Anthony, Koch im Craypot in Kaikoura.

#22 Suche

Jobs gibt es in Kaikoura in erster Linie im Restaurantgewerbe. Mein Problem: Ich habe noch nie in einem Restaurant gearbeitet und denke von mir selbst, dass ich wahrscheinlich die schlechteste Kellnerin der Welt sein werde. Aber was hilft das schon? Bevor ich mich bei den verschiedenen Cafés und Restaurants in der Stadt vorstelle, lege ich mir ein paar Argumente zurecht "Ich kann mich schnell in neue Bereiche einarbeiten, Ich hatte in meinem letzten Job viel mit Menschen zu tun ..." Mal schauen, wie weit mich das bringt. 

 

Louie – die Hostelkatze des Albatross Backpacker Inn in Kaikoura.

#21 PLanänderung

Danke Jogi Löw. Danke, dass du mir – obwohl wir uns nicht persönlich kennen und ich auch nicht unbedingt der größte Fußballfan bin – eine wichtige Lebensweisheit mit auf den Weg gegeben hast. Und die lautet: Geh, wenn es am schönsten ist. 

Nach sechs Wochen scheint für mich jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen zu sein, um Kaikoura zu verlassen und Neuseelands Südinsel im Herbst zu bereisen. Alles ist vorbereitet: Das Auto ist aufgeräumt, alle Vorräte sind aufgefüllt. Jetzt muss "Herby" (mein Auto) nur noch den neuseeländischen TÜV bestehen und dann kann es losgehen. Doch leider hat die Mitarbeiterin in der Autowerkstatt schlechte Nachrichten. Reifen, Bremsen und gebrochene Stoßdämpfer müssen erneuert werden, damit ich mein Auto weiter fahren kann. Vielleicht hätte ich doch auf die ein oder andere Schotterstraße verzichten sollen? Nein, ich muss da jetzt durch. Ich werde Herby reparieren lassen, mir einen bezahlten Job in Kaikoura suchen und bis mindestens Ende Juli bleiben. 

 

Das Foto ist in South Bay, Kaikoura entstanden.

#20 Abschied

Das Schwerste am Reisen sind die Abschiede. Auf Wiedersehen zu sagen, ohne zu wissen, ob das jemals wirklich eintreffen wird. Doch jede Begegnung ist lehrreich. Und für jeden Menschen, den ich kennenlernen darf, bin ich dankbar.

 

Das Foto ist im Albatross Backpackers Inn in Kaikoura entstanden.

#19 Bleiben

Je länger ich bleibe, desto weniger möchte ich gehen. Reisende nennen das "to get stuck". Im Sinne von irgendwo stecken zu bleiben. Das kann gut sein, weil man einen Ort gefunden hat, an dem man bleiben möchte. Andererseits bedeutet das aber auch, dass man den richtigen Moment finden muss, um wieder zu gehen. Je länger man bleibt, desto mehr weicht die Magie der Realität.

 

Das Foto ist in Kaikoura, Neuseeland entstanden.

#18 Hoch Hinaus

Das ist er also: der Winter im Frühling. Während meine Freunde in Deutschland die ersten warmen Tage feiern #EndlichFrühling, bekomme ich ein bisschen Angst vor den kürzer und kälter werdenden Tagen. Ich könnte jetzt einfach weiterziehen. Wie ein Zugvogel. Immer dem Sommer hinterher. Doch ich möchte bleiben. Irgendwie weiß ich, dass das hier gut werden kann.

 

Das Foto ist auf dem Gipfel von "Mount Fyffe" in Kaikoura, Neuseeland entstanden.